Verdammte Kohle, Bericht aus dem Stern

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Verdammte Kohle, Bericht aus dem Stern

Beitragvon Steffi » Di, 12.02.2008 21:25

Hier mal etwas von

Rolf-Herbert Peters
Journalist

Verdammte Kohle - Der Widerstand wächst
Bericht aus dem Stern 4/2008





Von Rolf Herbert Peters

Es regt sich Widerstand im Land. Bürger machen gegen Kohlekraftwerke mobil. Experten sagen: Ein Leben ohne den Klimakiller ist machbar. Die Stromversorger dagegen warnen vor Engpässen.

Schnee bleibt in Auenheim nur noch selten liegen. "Den Schlittenhügel braucht niemand mehr", stellt Klaus Gülden, der ehemalige Ortsvorsteher, fest, der ihn vor einigen Jahren hat aufschütten lassen, damit die Kinder Spaß hatten. Trotzdem müssen manchmal die Räumfahrzeuge ausrücken: im Sommer, wenn Hagel die Straße bedeckt. Die Natur spielt in Auenheim verrückt: Die Sonne zeigt sich selbst bei blauem Himmel oft nicht vor Mittag. Bei Ostwind hängen Nebelschwaden in den Gassen. Und im Gillbach tummeln sich exotische Fische.
Braunkohlekraftwerk verärgert die Anwohner
Für diese Kapriolen sorgt der RWE-Konzern. Die neun Schlote des mächtigen Braunkohlekraftwerks Niederaußem, in dessen Schatten das Dorf liegt, stoßen rund um die Uhr gewaltige Mengen Dampf aus. Sie rauben den Einwohnern das Licht. Abwärme und Kühlwasser heizen Luft und Gewässer auf. Gefrorene Abgase stürzen als Eiskugeln zur Erde zurück. Noch schlimmer, sagt SPD-Stadtrat Wolfgang Sewelies, sei aber das fiese CO2: Mehr als 27 Millionen Tonnen des Klimakillers bläst Niederaußem pro Jahr in die Atmosphäre - so viel wie 7,5 Millionen Autos. RWE will trotzdem noch zwei neue Kohleblöcke hochziehen. Das ärgert nicht nur die beiden Kommunalpolitiker, sondern das ganze Dorf. "Es ist doch absurd", sagt Sewelies, "dem Klimawandel ausgerechnet mit dem fossilen Brennstoff entgegenzutreten, der das meiste CO2 absondert."

Vor Jahren standen die 700 Auenheimer wie ein Mann hinter dem Essener Unternehmen. Man ertrug die lokale Klimakatastrophe, weil jeder Zweite im Kraftwerk, Braunkohletagebau oder in der Brikettfabrik Fortuna Arbeit fand. Auch Sewelies. Dann wurde er in Rente geschickt. Mit 51. Moderne Stromfabriken kommen fast ohne Menschen aus. Heute sind noch um die zehn Einwohner bei RWE beschäftigt. Die Jugend ist frustriert weggezogen, die zwei Kneipen haben dichtgemacht. Viele, die blieben, kämpfen nun in der Bürgerinitiative Big Ben gegen den Ausbau der Wolkenmaschinen.
Vier klimaschädliche Meiler qualmen um die Wette
"Kohlekraft, nein Danke!": Wie hier am Rande des rheinischen Braunkohlereviers, wo mit Niederaußem, Weisweiler, Neurath und Frimmersdorf vier der sechs klimaschädlichsten Meiler um die Wette qualmen, formiert sich Widerstand. Wo neue Braun- oder Steinkohleblöcke oder Tagebaue geplant sind, bilden sich Bürgerinitiativen, meist unterstützt von Umweltgruppen wie Greenpeace, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) oder der Grünen Liga. Die Opposition zieht sich quer durch alle Parteien und Bildungsschichten. Im Saarland sprach sich das gesamte Ärztesyndikat, die Standesvertretung, gegen die Kohle aus. In Mainz opponierten 49 Professoren inklusive Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen gegen ein geplantes Steinkohlekraftwerk. Und immer mehr Prominente wie Bestsellerautor Frank Schätzing ("Der Schwarm") oder "Tatort"-Kommissar Peter Sodann reihen sich ein. "Gegen Kohle tun wir alles", skandierten Demonstranten beim Weltklimatag im Dezember vor der Kraftwerksbaustelle in Neurath. Karsten Smid, Klimaexperte bei Greenpeace, freut sich: "Da wächst eine Bewegung heran wie früher gegen die Atomkraft."


Das spürt auch Wulf Bernotat. "Wir treffen auf heftige Widerstände", klagte der Eon-Chef jüngst stellvertretend für die Branche. In Ensdorf (Kreis Saarlouis) etwa stoppte eine Widerstandsgruppe per Bürgerbefragung den Bau eines Steinkohlekraftwerks. Investor RWE muss nun nach einem neuen Standort suchen. In Berlin und Köln legten Vattenfall und Rheinenergie nach heftigem Bürgerprotest Pläne für neue Steinkohlekraftwerke auf Eis. "Ergebnisoffen" nennt Vattenfall die Zukunft des Projekts. Rheinenergie will in einigen Jahren neu entscheiden.
"Heftige Widerstände"
Der Unmut der Kohlegegner richtet sich zunehmend gegen einen Mann, der gern den Weltretter gibt: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Mitte Dezember manövrierte sich der SPD-Politiker selbst in die Schusslinie, als er in der Talkshow von Anne Will behauptete, in Deutschland stünden lediglich neun neue Kohlekaftwerke auf dem Plan. Sie würden alte Dreckschleudern ersetzen und am Ende 42 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Recherchen des stern bei den Stromherstellern ergeben ein anderes Bild: Für mindestens 22 Kraftwerke, die in den kommenden acht Jahren ans Netz gehen sollen, gibt es konkrete Planungen, Genehmigungen, oder sie sind bereits im Bau. Wie viele alte Blöcke wann dafür stillgelegt werden, ist unbekannt und zum Großteil vom Gutdünken der Betreiber abhängig. Das Bundesumweltministerium (BMU) will die Zahlen im Einzelnen nicht kommentieren: "Kraftwerke werden in Deutschland von den zuständigen Landesbehörden genehmigt. Deshalb liegen BMU keine Informationen darüber vor, wie viele Genehmigungsanträge derzeit gestellt wurden oder wann einzelne Kraftwerke genau in Betrieb gehen werden."
27 neue Kohlekraftwerke sollen ans Netz
Nach Informationen des BUND gehen in den nächsten zehn Jahren sogar 27 neue Kohlekraftwerke ans Netz. Die Klimaziele der Bundesregierung, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren, seien daher Makulatur. Modernste Braunkohlekraftwerke erzeugen rund 1000 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Bei der Verstromung von Steinkohle entstehen 750 Gramm CO2 pro Kilowattstunde, bei Erdgas sind es nur 360 Gramm. Durch Gabriels "Modernisierungsprogramm" würden laut BUND am Ende etwa 120 Millionen Tonnen mehr CO2 produziert als heute - das sind 15 Prozent der deutschen Gesamtemissionen.


"Kohle", sagt BUND-Klimaexperte Dirk Jansen, "gehört nicht mehr in dieses Jahrhundert." Auch Steffen Krüger ist zum Kohlegegner geworden. Der selbstständige Klempner wohnt in Groß-Gastrose, einem Dorf in der ausblutenden Lausitz. Er steht hinter seinem Haus mit blau lackierten Ziegeln und zeigt besorgt Richtung Gartenzaun: "Da könnte bald der Bagger stehen." Vor ein paar Monaten hat er aus der Zeitung erfahren, dass der Stromkonzern Vattenfall, der in der Gegend Braunkohlekraftwerke betreibt, den Tagebau Jänschwalde-Nord neu aufmachen will. Gut möglich, dass Krügers blaues Haus in das große Loch fällt. Es wäre bereits das zweite Mal, dass er umsiedeln müsste: "Vor vier Jahren haben sie mein Geburtshaus in Horno plattgemacht."
Erneuerbare Energien könnten die Lücke schließen
Auf geschliffene Worte wie die des Umweltministers gibt Krüger keinen Pfifferling mehr. Nach der Wende habe sich der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe in Horno auf einen Hügel gestellt und geschworen, das Dorf werde niemals für die Kohle fallen. Nachdem es dem Erdboden gleichgemacht war, habe der SPD-Mann zugesagt, nach Horno werde kein weiterer Ort geopfert. "Und jetzt", sagt Krüger, "geht es wieder los." Obwohl er jeden Auftrag von Vattenfall braucht, geht auch er nun auf die Barrikaden. 45 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken.

Viele davon sind veraltet und müssten in den nächsten Jahren ersetzt werden. Aber müssen wirklich neue Kolosse mit 800 und mehr Megawatt entstehen, die mit Laufzeiten von bis zu 60 Jahren den gigantischen CO2-Ausstoß für sehr lange Zeit festschreiben? Im Februar 2007 erschien eine Leitstudie, die das BMU beim renommierten Institut für Technische Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart in Auftrag gegeben hatte. Danach ließe sich die Kohleverstromung drastisch reduzieren und bis 2050 fast auf null herunterfahren - bei gleichzeitigem Atomausstieg. Die Lücke könnten erneuerbare Energien, Einsparungen und kleine, effiziente Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung schließen. Gabriel folgt der Expertise nicht: "Machen wir uns nichts vor. Wir können bis auf Weiteres nicht auf Kohle verzichten."
Stromanbieter drohen
Die Stromanbieter drohen: Ohne Kohlestrom gingen schon bald die Lichter aus. Doch hinter vorgehaltener Hand wird dieses Argument sogar von Konzernmanagern belächelt. Zum einen exportieren die deutschen Netzbetreiber pro Jahr netto 20 Milliarden Kilowattstunden ins Ausland - so viel, wie drei bis vier große Kohlekraftwerke produzieren; von Mangel also keine Spur. Zum anderen sinkt der heimische Stromverbrauch zusehends; die hohen Preise und die Klimaangst zeigen Wirkung. Für das erste Halbjahr 2007 meldet die Stromwirtschaft ein Minus von 1,1 Prozent - bei immer mehr Elektrogeräten. Ohne Kohle, legen die Stromer nach, würden wir vom Ausland abhängig - und das sei fatal. Doch das geschieht bei Steinkohle ohnehin: 2018, so ist es politisch beschlossen, werden die heimischen Zechen geschlossen. Warum also neue Steinkohlekraftwerke? Zumal der Importmarkt nicht unproblematischer ist als etwa bei Gas, wie eine EU-Studie namens "The Future of Coal" belegt: Steinkohle sei alles andere als eine stets verfügbare, zuverlässige und preisstabile Energiequelle. Unter diesen Umständen sind vergleichsweise saubere kleine Gaskraftwerke eine echte Alternative, weil sie nicht nur Strom, sondern auch Wärme für Wohnhäuser und Fabriken liefern können.


Die Stromer behaupten auch, dass ein Kohlekraftwerk bald so sauber wie ein Gasblock sein werde. Doch trotz jahrzehntelanger Forschung liegt der Wirkungsgrad modernster Fabriken bei gerade mal 45 Prozent. Bei Licht betrachtet, verpulvern Kohlekraftwerke trotz aller Verbesserungen nach wie vor mehr als die Hälfte der Energie. Und ob es jemals gelingt, den Klimakiller CO2 im großen Maße aus der Abluft zu ziehen und verflüssigt im Erdreich zu verpressen, ist völlig offen. "Die Abscheidung befindet sich noch in der Entwicklungsphase", ernüchtert der Gesamtverband Steinkohle. Sie sei, wenn überhaupt, frühestens 2020 industriell einsetzbar. Doch dann sind alle neuen Kraftwerke längst in Betrieb.
Moloche als Zukunftstechnik angepriesen
Trotz aller Einwände lassen die Stromriesen nicht nach, die Moloche als Zukunftstechnik zu verkaufen. Mit ihnen lässt sich prima Geld verdienen. Braunkohle dürfen sie nahezu abgabenfrei aus dem Boden schürfen, deutsche Steinkohle wird noch zehn Jahre vom Steuerzahler hoch subventioniert. Und CO2-Zertifikate, die Umweltsünder benötigen, gibt es bis auf Weiteres vom Staat. Weitgehend kostenlos.
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Quelle: http://www.stern.de/wirtschaft/unterneh ... l?nv=ct_cb


So ist es besser lesbar als von den Zeitungsabschnitten!!!



Steffi
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Steffi
 
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